“Negative” Gefühle bei der Neuorientierung richtig einordnen

Vielleicht kennst du das auch: “eigentlich” bist du total glücklich mit der Entscheidung für einen neuen Job. “Eigentlich” bist du dir auch sicher, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast und du freust dich auf deine neue Zukunft. Und du genießt das Kribbeln der Aufregung, weil du gespannt bist, wie es werden wird. “Eigentlich”.

Dann gibt es aber noch diese anderen Gefühle: Angst, sich zu viel vorgenommen zu haben und am Ende zu versagen. Abschiedsschmerz, weil dir der alte Job mit den Kollegen und allem drum und dran ja auch etwas bedeutet. Sorge vor der Zukunft.

Nahezu alle Menschen haben in wichtigen Phasen ihres Lebens diese ambivalenten Gefühle. Um die vermeintlich “negativen” Gefühle zu vermeiden, neigen manche Menschen dazu, notwendige Veränderungen hinauszuzögern oder sogar komplett zu verweigern. Das ist schade, denn eine persönliche Weiterentwicklung wird so verhindert.

Damit du deine Gefühle besser einordnen und vor allem in ihrer ganzen Vielfalt willkommen heißen kannst, möchte ich dir in diesem Beitrag einmal darstellen, welche Funktionen die verschiedenen Gefühle eigentlich haben und wie sie dir durch dein Leben und speziell den Prozess der beruflichen Neuorientierung helfen. Denn auch die “negativen” Gefühle wollen nur dein Bestes!

Welche Gefühle spielen bei der Neuorientierung die Hauptrolle?

Angst

Angst wird durch eine tatsächliche oder mögliche Bedrohung ausgelöst. Die Funktion der Angst ist Schutz, sie will dich also vor einem möglichen Schaden bewahren. Für die meisten von uns ist Angst ein unangenehmes Gefühl, und das ist auch gut so. Denn um die Angst zu verringern, werden wir aktiv: wir suchen uns Unterstützung, Hilfe oder Schutz oder besinnen uns auf unsere eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung der Situation.

Wenn du im Prozess der Neuorientierung also Angst spürst, heißt das erst einmal, dass deine Gefühle dich vor einer Bedrohung schützen wollen. Das ist nicht Schlimmes, sondern im Gegenteil sehr gesund! Nimm die Angst wahr, prüfe, wovor du eigentlich genau Angst hast und dann entscheide: kannst du die Herausforderung selbst lösen? Oder wünscht du dir Unterstützung oder Hilfe?

Was du auf keinen Fall machen solltest: die Angst ignorieren. Denn meist wird sie schon viel kleiner, wenn du dich mit ihr beschäftigst. Dein Unterbewusstsein weiß dann, dass das Gefühl seine Aufgabe erfüllt hat, dich vor einer möglichen Gefahr zu warnen und die Angst schwächt sich ab.

Trauer

Trauer entsteht durch einen Verlust. Die Funktion der Trauer ist das Loslassen. In unserer Gesellschaft wird Trauer häufig eher ignoriert oder heruntergespielt. Aber sie ist wichtig, auch im Prozess der Neuorientierung. Denn wir wenden uns ja nicht nur zu etwas Neuem hin, sondern lassen auch etwas Altes hinter uns.

Es ist also ganz normal, wenn du traurig bist, deinen alten Job zu verlassen. Egal, wie sehr er dich vorher genervt hat oder wie froh du bist, ihn hinter dir zu lassen. Er hat dir trotzdem ein sicheres Einkommen, nette Kollegen oder irgendetwas anderes Positives gebracht. Oder zumindest die Sicherheit, immer etwas zu meckern zu haben.

Die Trauer möchte erreichen, dass wir das Vergangene würdigen und anerkennen, welchen Stellenwert es in unserem Leben hatte. Trotz aller negativer Seiten. Nach diesem Schritt können wir Abstand gewinnen und uns wirklich auf das Neue einlassen.

Häufig ist es bei einem freiwilligen Jobwechsel wie nach einer selbst initiierten Trennung: das Umfeld spricht uns das Recht für unsere Trauer ab. Schließlich war es doch unsere freie Entscheidung! Lass dir da nichts einreden, auch wenn du den Schritt selbst gewählt hast, darfst du traurig sein. Die Trauer bedeutet nämlich nicht, dass du eine falsche Entscheidung getroffen hast, sondern nur, dass der Prozess “Würdigen und Abstand gewinnen” noch nicht abgeschlossen ist.

Ärger/Wut

Ärger wird durch eine Frustration ausgelöst. Dieses Gefühl setzt eine Menge Energie frei und ist ein großartiger Treiber für Veränderung. Denn warum sollte man jemals etwas ändern, wenn man sich nie auch nur ein kleines bisschen ärgern würde? Der Ärger konfrontiert uns mit dem, was uns nicht passt. Danach haben wir die Wahl: Ärger herunterschlucken oder das eigene Verhalten und damit die eigene Situation ändern?

Wenn du einmal in dich hinein horchst, warum du dich eigentlich auf den Weg zu einem neuen Job machen möchtest, wette ich mit dir, dass Ärger dabei eine große Rolle spielt. Oft sagen Freunde und Familie, wir sollen uns nicht ärgern, das würde ja doch nichts bringen. Das stimmt so aber nicht! Ärger runterschlucken bringt natürlich nichts, außer Magenschmerzen. Den vermeintlichen Auslöser unseres Ärgers (den inkompetenten Chef zum Beispiel) anzuschreien, bringt auch meist keine nachhaltige Verbesserung. Aber sich zu überlegen, ob man sich weiterhin jeden Tag ärgern möchte oder vielleicht doch den Mut aufbringen sollte, etwas Grundlegendes zu verändern, das bringt eine ganze Menge!

Schmerz

Schmerz entsteht durch eine Verletzung und hat eine heilende Funktion. Der Schmerz bringt dich dazu, dich zurückzuziehen und zu schonen. Wenn der Schmerz groß ist, kann es sein, dass du Versorgung von anderen Menschen benötigst.

Im Arbeitskontext sind Verletzungen meist eher psychisch als körperlich. Deshalb kann man sie leichter übersehen und sie werden auch von anderen häufig nicht wahrgenommen. Wenn du bei deiner Arbeit psychisch verletzt wurdest, brauchst du Zeit, dich zurückzuziehen und zu schonen. Es ist ganz normal, wenn du nicht sofort den Elan aufbringst, etwas Neues zu beginnen oder Zukunftspläne zu schmieden!

Hab Geduld mit dir und lass dich von anderen Menschen versorgen. Eine Versorgung kann zum Beispiel darin bestehen, dass du immer wieder über das Erlebte redest. Bis die Wunde irgendwann verheilt ist und du dich auf den Weg zu neuen Ufern machen kannst.

Schuld

Schuld entsteht durch Verantwortungslosigkeit und zielt darauf ab, dich wieder in die Verantwortung bringen. Sich schuldig zu fühlen ist sehr unangenehm, daher wird dieses Gefühl es oft verschwiegen oder es wird alles zu seiner Vermeidung getan. (Schuld wird übrigens oft mit Scham verwechselt, die aber dadurch entsteht, dass wir die Grenzen anderer Menschen überschritten haben oder unsere eigenen Grenzen überschritten wurden.)

Aus meinen Beratungen und auch aus eigener Erfahrung glaube ich, dass dieses Gefühl ein Hauptgrund ist, warum Menschen sich nicht trauen, neue Wege einzuschlagen. Sie haben (unbewusst) große Angst davor, zu scheitern und sich dann schuldig zu fühlen. Denn wenn sie scheitern, könnte man ihnen Verantwortungslosigkeit verwerfen, schließlich hätten sie ja ein besseres Ziel wählen können oder gleich ganz auf die Neuorientierung verzichten. Denn wer sagt, dass man ein Recht auf ein glückliches Berufsleben hat?

Mir selbst ging es auch so. Gerade als Mutter will man ja keine unnötigen Risiken eingehen, und dann mache ich mich selbstständig? Wie verantwortungslos! Ich habe mich trotzdem getraut, denn erstens habe ich immer an die Möglichkeit geglaubt, dass ich nicht scheitere. Und zweites weiß ich, dass ich nicht verantwortungslos gehandelt habe, denn ich habe mir ausreichend Gedanken gemacht und mich beraten lassen, bevor ich diesen Schritt gegangen bin.

Was deine Gefühle von dir wollen

Gefühle steuern uns viel mehr, als wir glauben wollen. Entweder, indem wir sie unmittelbar fühlen, oder weil wir ihnen aus dem Weg gehen wollen (oder im positiven Fall sie herbeiführen wollen).

Gefühle sind manchmal anstrengend, aber mir hilft es sehr, mir ihre Funktion ins Gedächtnis zu rufen. Denn nichts anderes wollen die Gefühle: uns auf etwas aufmerksam machen, was das Unterbewusstsein (der schlauste Teil von uns) wahrgenommen hat und dem Bewusstsein mitteilen möchte. Wenn wir unsere Gefühle bewusst registrieren und anerkennen, dass sie unser Bestes wollen, sind sie ein sehr wertvoller Begleiter. Und dann ist kein Gefühl “negativ”, sondern alle haben ihren Stellenwert in unserem Leben.

Diesen Artikel teilen:

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on pinterest
Pinterest
Share on linkedin
LinkedIn

Ähnliche Beiträge: