Familienplanung in Bewerbungsphasen

Familienplanung in Bewerbungsphasen

Immer wieder lese ich, dass man sich schwanger nicht bewerben sollte. Und natürlich auch nicht, wenn man plant, bald schwanger zu werden. Zu beiden Themen möchte ich dir heute mal meine Gedanken mitgeben:

Ist es verwerflich, sich schwanger zu bewerben?

Fangen wir mit der Frage an, ob man sich eigentlich bewerben darf, wenn man schwanger ist. Die Antwort ist einfach: ja, natürlich! Wegen einer Schwangerschaft darfst du nicht diskriminiert werden, also darfst du auch nicht in deiner freien Berufswahl beschränkt werden. Für die meisten Frauen ist eine Schwangerschaft dennoch nicht der richtige Zeitpunkt für das Schreiben von Bewerbungen, man hat schlicht anderes im Kopf, um das man sich kümmern muss.

Was aber, wenn man arbeitssuchend ist? Oder einem ein super Job angeboten wird? Oder man befristet angestellt ist und die Chance auf einen unbefristeten Job hat? Oder man schon vor der Schwangerschaft auf Jobsuche war? Dann empfehle ich: weitermachen, und genau so bewerben als wenn du nicht schwanger wärst! Es gibt eine Ausnahme, nämlich wenn du dich für einen Job bewirbst, in dem du schwanger nicht arbeiten darfst. Das kann zum Beispiel als Helferin in einer Tierarztpraxis sein. Dort dürfest du keinen einzigen Tag arbeiten, sofern es keine reinen Schreibtisch-Jobs als Alternative gibt. Das ist der einzige Fall, in dem du die Schwangerschaft offenlegen müsstest und damit wahrscheinlich den Job nicht kriegen würdest. In allen anderen Fällen darfst du deine Schwangerschaft verheimlichen.

Ja, aber was ist mit dem armen Arbeitgeber, der unwissentlich eine Schwangere einstellt? Der bekommt mit dir eine super Arbeitskraft, die ein paar Monate ausfällt und dann wieder da ist. So einfach könnte das sein! In der Praxis nehmen Arbeitgeber es ihren Mitarbeiterinnen meistens trotzdem übel, wenn sie schon bei der Bewerbung schwanger waren. Aber warum? Weil es Mehrarbeit bedeutet, einen Ersatz einzustellen oder die Arbeit vorübergehend umzuorganisieren? Das ist das Betriebsrisiko bei jeder neuen Einstellung. Guck dir mal an, wie viele Arbeitsverhältnisse in der Probezeit wieder beendet werden. Da muss auch jemand neues gesucht und eingestellt und eingearbeitet werden. An der Stelle scheuen die Arbeitgeber den Aufwand komischerweise nicht, Probezeitkündigungen gibt es schließlich ständig.

Was ich aus Arbeitgebersicht vielleicht verstehen kann: wenn er beleidigt ist, dass er keine Wahl hatte, ob er die Mitarbeiterin behalten will. Arbeitgeber sind daran gewöhnt, im ersten halben Jahr (danach greift der Kündigungsschutz) neue Mitarbeiter “testen” zu können und sie grundlos kündigen zu können, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen oder sich “nicht in das Team integrieren”. Nur bei Schwangeren geht das nicht, sie haben sofort absoluten Kündigungsschutz, auch schon am ersten Arbeitstag.

Und wenn ich mich mit Kinderwunsch bewerbe?

Wenn es erlaubt und “moralisch vertretbar” ist, sich schwanger zu bewerben, dann gilt das erst recht bei einem bestehenden Kinderwunsch, oder? Eben. Viele Bekannte und Freundinnen haben mir erzählt, dass sie sich nicht bewerben wollen, weil sie versuchen, schwanger zu werden. Kann ich gut verstehen, habe ich auch so gehandhabt. Aber ich habe mich dafür entschieden, weil ich ein gutes und unbefristetes Arbeitsverhältnis hatte, in das ich nach der Elternzeit zurückkehren konnte. Was ist, wenn das nicht der Fall ist?

Dann los: bewerbt euch! Ich kenne Frauen, die im alten Job todunglücklich waren und nur darauf gewartet haben, endlich schwanger zu werden. Bei manchen hat das geklappt, aber die mussten sich dann nach der Elternzeit einen neuen Job suchen, weil sie natürlich nicht in den alten zurück wollten. Auch nicht einfach.

Bei anderen hat der Stress im Job eine Schwangerschaft verhindert, davon bin ich fest überzeugt! Wenn sie nämlich nach jahrelangem Warten auf eine Schwangerschaft die Hoffnung aufgegeben und sich doch einen besseren Job gesucht haben, hat es manchmal ganz plötzlich doch geklappt mit dem Baby.

Wenn dein Job mies ist, gibt es keinen Grund für dich, mit deinen Bewerbungen zu warten! Auch wenn du gerne schwanger werden möchtest. Du weißt einfach nicht, ob es klappt, wann es klappt, ob alles gut geht und so weiter. Und selbst wenn du das wüsstest, macht es doch viel mehr Spaß, in einem guten Job seine Schwangerschaft zu erleben als in einem miesen!

Was ist nun aber mit den armen Arbeitgebern?

Wenn neu eingestellte Mitarbeiterinnen ihre Schwangerschaft verkünden, tun Chefs gerne mal so, als wäre sie nur schwanger geworden, um ihn zu ärgern. Dass dahinter manchmal jahrelange Versuche, Hoffnungen und Leidensgeschichten stehen, dass nicht jede Schwangerschaft geplant oder planbar ist, das kommt in seinem Kopf nicht vor. Er sieht das Vertrauen als zerstört an. Ist das nicht albern?

Wie wäre es, wenn du als Mitarbeiterin über ein zerstörtes Vertrauensverhältnis klagen würdest, weil man dir im Bewerbungsprozess nicht ganz offen gesagt hat, wo es in der Firma nicht optimal läuft? Es ist doch so: im Bewerbungsprozess sagt man das, was WERBUNG für die eigene Seite ist. Das gilt sowohl für die Kandidaten als auch für die Firma. Und manchmal muss man als Mitarbeiter erkennen, dass die Firma doch größere Baustellen hat, als man dachte. Und manchmal muss der Arbeitgeber einsehen, dass er mit einer neu eingestellten Mitarbeiterin nicht wie gehofft die nächsten Jahre durchgehend eine konstante Besetzung auf der entsprechenden Stelle hat. So what?

Wenn nun aber die Schwangerschaft schwierig ist und es ein Beschäftigungsverbot gibt? Dann bekommst du zwar weiter dein Gehalt von deinem Arbeitgeber, aber er kriegt das Geld von den Krankenkassen zurück. Er hat also keinerlei finanziellen Nachteil dadurch! Sein einziger Nachteil ist, dass er auf eine tolle Mitarbeiterin verzichten muss.

Wenn du ein Mann wärst…

Ja, ich weiß, das ist immer sehr plakativ. Aber trotzdem: wenn ein Mann gerne einen neuen Job hätte, dann bewirbt er sich. Wenn ihm eine tolle Chance angeboten wird, nimmt er sie an. Da wird ihn keiner fragen, ob er vielleicht ein Freundin oder Frau hat, die möglicherweise schwanger ist oder es werden möchte. Oder ob er sich eigentlich Kinder wünscht. Und dabei darf er genauso drei Jahre Elternzeit nehmen (pro Kind!) wie du. Das Risiko für den Arbeitgeber ist also theoretisch genauso groß.

Fazit

Ran an die Bewerbungen, wenn dein Job mies oder befristet ist oder du grad gar keinen hast! Egal, ob du schwanger bist oder es gerne wärst. Der Arbeitgeber, der dich in sein Team bekommt, kann sich glücklich schätzen!