Der Unsinn mit den Arbeitszeugnissen

Ich muss gestehen, dass ich Arbeitszeugnisse total überflüssig finde. Es mag überraschend sein, dass eine Personalerin das so sieht, aber ich erkläre dir natürlich, warum ich so denke.

Die Zeugnissprache verbietet in vielen Fällen eine ehrliche Auskunft über die Arbeitsleistung eines Menschen. Das Zeugnis muss zwingend (!) wohlwollend formuliert sein. Zeitgleich soll es aber wahr sein. Wenn ein Mitarbeiter miese Arbeit geleistet oder sogar den Arbeitgeber beklaut oder sonstwas Verwerfliches getan hat, darf ich das nicht schreiben. Ich muss immer positiv formulieren, auch wenn etwas nicht positiv war. Aber die Wahrheit sagen soll ich trotzdem. Diese beiden paradoxen Anforderungen versucht man durch die Zeugnissprache zu erfüllen. Der Trick dahinter ist folgender: wenn etwas fehlt, was eigentlich in ein Zeugnis gehört, dass ist das faktisch eine negative Bewertung. Wenn etwas nur “normal” positiv formuliert ist, ist das faktisch ebenfalls eine negative Bewertung. Nur wenn etwas total übertrieben positiv dargestellt ist, ist das wirklich eine gute Bewertung. Absurd, oder? Dadurch kommen dann diese Stilblüten zustande á la “sie hat stets zur vollsten Zufriedenheit aller gearbeitet und dabei höchste Ansprüche noch weit übertroffen”. Klingt furchtbar, oder?

Jetzt könnte man ja sagen: Gut, das klingt furchtbar, aber ist ja immerhin eine hilfreiche Info. Leider ist das aber nicht so. Denn man kann als Arbeitnehmer gegen ein schlechtes Zeugnis klagen und sich ein besseres ausstellen lassen. Die Hürden dafür sind gar nicht hoch. In Deutschland gilt ein Zeugnis der Note 2 als Durchschnitt (was ja auch schon irgendwie zeigt, dass die Bewertung nicht realistisch ist, oder?). Wenn man als Arbeitnehmer ein schlechteres Zeugnis bekommt, sagen wir mal mit Note 3-, dann muss der Arbeitgeber beweisen, dass man wirklich schlechter gearbeitet hat, als der durchschnittliche Mitarbeiter. Das wird er in den meisten Fällen nicht beweisen können. Wie soll das auch gehen? Also bekommt der Mitarbeiter ein Zeugnis der Note 2, egal ob er es verdient hat oder nicht. Nur wenn der Mitarbeiter ein Zeugnis haben will, was besser ist als Note 2, muss er selbst beweisen, dass er besser gearbeitet hat, als der Durchschnitt. Wird ihm auch kaum gelingen, also bleibt es bei der Note 2. Und damit wird weiter zementiert, dass Note 2 der Durchschnitt ist. Völlig verrückt!

Nun gibt es also kaum noch Zeugnisse der Note 3, weil man diese ja nicht akzeptieren muss, viele Arbeitgeber das wissen und deshalb gar nicht erst so “schlechte” Zeugnisse ausstellen. Aber es gibt ja Zeugnisse der Note 1, die beweisen doch dann, dass jemand super war, oder? Leider nein, denn solche Zeugnisse sind oft das Ergebnis eines Vergleichs. Der Arbeitgeber möchte einen Mitarbeiter loswerden und bietet ihm Geld, eine bezahlte Freistellung und ein super Zeugnis an, um nicht kündigen zu müssen (was mit Folgekosten verbunden oder rechtlich schwierig wäre). Meist sind es nicht die Top-Mitarbeiter, von denen man sich auf diesem Wege trennt, trotzdem laufen die dann mit einem tollen Zeugnis herum.

Als Personalerin weiß ich das natürlich alles und traue vielen Standard-Zeugnissen deshalb nicht über den Weg. Außerdem habe ich selbst viele solcher halb-wahren Zeugnisse geschrieben und viele Stunden meiner Arbeitszeit damit verbracht. Das ist doch sinnlos, oder??? Ich plädiere deshalb dafür, Arbeitszeugnisse einfach komplett abzuschaffen. In anderen Ländern kommt man doch auch gut ohne Zeugnisse aus. Das würde die Bewerbungsprozesse auch vereinfachen. Wer von uns hat nicht schon mal Ewigkeiten damit verbracht, die Zeugnisse in die geforderte Dateiform und maximale Größe zu konvertieren?

In meinen Augen haben Arbeitszeugnisse nur den Zweck, Beschäftigungszeiten zu dokumentieren und Aufgaben aufzulisten, die während der Beschäftigung ausgeübt wurden. Manchmal werden außerdem Projekterfolge besonders gelobt, was tatsächlich dafür spricht, dass der Chef einem ein gutes Zeugnis ausstellen wollte (und nicht musste). Das kann man nämlich auch per Gericht nicht verlangen. Aber von diesen Ausnahmen abgesehen würde auch ein einfacher Arbeitsnachweis reichen und man könnte sich die ganze Zeugnis-Schreiberei sparen.

Ich habe mir meine Zeugnisse übrigens fast alle selbst geschrieben. Das ist unter Personalern so üblich.

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