Kann ein Job perfekt sein?

Viele Berater und Coaches versprechen, dass sie den perfekten Job für ihre Kunden finden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: für viele Menschen gibt es nicht DEN perfekten Job. Ich bin auch so jemand. Selbst wenn ich mir ganz frei ausdenken könnte, wie und wo und unter welchen Rahmenbedingungen ich arbeiten darf, wäre es nie perfekt. Ich habe so viele Interessen, die sich auch ständig ändern, dass ein einzelner Job das inhaltlich gar nicht abbilden kann. Und ich könnte mich auch nicht entscheiden, wie groß die Firma eigentlich idealerweise sein soll, in der ich arbeiten will. Kleine Unternehmen haben Vorteile, große aber auch. Nur halt andere. Dazu kommt, dass ich manchmal eher spannende und abwechslungsreiche Aufgaben bevorzuge und in anderen Phasen die Ruhe der Routine liebe. Welcher Job soll das bitteschön immer passgenau bieten?

Die Suche nach dem perfekten Job kann auch ganz schön stressen. Schließlich muss ich ja im Vorfeld sehr gut darüber nachdenken, alles abwägen und darf mich nicht zu schnell zufrieden geben. Der Perfektionswahn, der viele Menschen in allen Lebensbereichen im Griff hat (Wohnung, der eigene Körper etc.) weitet sich immer mehr auch auf die Arbeitswelt aus. Im Umkehrschluss sind immer mehr Menschen unzufrieden, obwohl sie eigentlich gute Jobs haben. Aber sie sind halt nicht perfekt und damit gibt es ja noch Optimierungspotenzial, das ausgeschöpft werden will. Ganz schön anstrengend!

Ich verspreche meinen Kunden nie, dass wir einen perfekten Job finden. Das ist auch gar nicht nötig, finde ich. Mein Ansatz: wir finden gemeinsam einen Job, der gut genug ist! Das heißt nicht, dass wir nicht nach der besten Lösung suchen, das machen wir natürlich. Aber der Druck ist nicht so groß, wenn es ausreicht, einen guten Job zu finden. Einen, der zu der Kundin passt und zu dem sie morgens gerne hingeht. Wo die Rahmenbedingungen passen und sie ihre Talente und Fähigkeiten einbringen kann.

Was ist nun aber, wenn jemand den perfekten Traumjob schon lange im Kopf hat und sicher ist, dass hier das Glück liegt? Wunderbar, dann beneide ich die Person um ihre Klarheit und helfe ihr, den Traum zu erreichen! Das ist aber die Ausnahme, die meisten von uns sind eher überfordert von den ganzen Möglichkeiten und wissen eigentlich gar nicht so genau, was sie eigentlich machen wollen. Das ist total normal und genauso in Ordnung, wie einen Traumjob im Kopf zu haben.

Wenn du auch zu denen gehörst, die nicht genau wissen, was sie eigentlich machen wollen, dann fühlt sich das vielleicht erst mal nach einem Problem oder Nachteil an. Aber sieh es mal so: du bist wahrscheinlich in der Lage, in ganz unterschiedlichen Jobs glücklich zu werden. Und du hast im Gegensatz zu jemandem mit einer einzigen Berufung viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten, dich auf dem Arbeitsmarkt zu bewegen und zu entwickeln. Menschen, die nur einen einzigen Traumjob haben, sind häufig eingeschränkt in ihren beruflichen Möglichkeiten. Für sie nimmt der Job auch einen ganz großen Teil ihres Lebens ein. Das ist super, aber sicher nicht der einzige Weg, um glücklich zu werden. Manchmal ist es nämlich gar nicht so schlecht, nicht allzu sehr an seinem Job zu hängen. Dann fällt es viel leichter, auf den Feierabendmodus umzuschalten, die Arbeitszeiten einzuhalten und Krisen des Arbeitgebers nicht zu sehr an sich heran zu lassen.

Ein Job der gut genug ist, erfüllt folgende Kriterien:

  • du gehst meistens gerne hin
  • das Gehalt ist fair
  • das Team ist gut, du magst deine Kollegen (auch wenn ihr keine Freunde seid)
  • der Chef/die Chefin ist ok (er oder sie nervt dich meistens nicht)
  • die Arbeitszeiten und der Fahrtweg passen zu deinem Leben
  • der Unternehmenszweck ist für dich moralisch vertretbar
  • deine Aufgaben erscheinen dir sinnvoll
  • du kannst viele (wenn vielleicht auch nicht alle) deiner Fähigkeiten einbringen
  • du langweilst dich nicht
  • du bist nicht permanent überfordert

Klassischerweise wird von einem guten Job auch erwartet, dass man sich dort entwickeln kann. Das wäre auch toll, keine Frage. Dieser Punkt gehört aber nicht für alle Menschen zu einem Job, der gut genug für sie ist. Manche wollen sich ständig weiterentwickeln und kriegen die Krise, wenn sie drei Jahre annähernd den gleichen Job machen, ohne befördert zu werden oder mehr Verantwortung zu bekommen. Für andere ist es dagegen völlig ok, einfach mal ein paar Jahre in Ruhe vor sich hinzuarbeiten, ohne sich ständig neues Wissen anzueignen und „Karriere“ zu machen.

Meine Meinung dazu: in etwa 40 Berufsjahren muss man sich nicht in jeder Phase extrem weiter entwickeln. Die Welt ändert sich so schnell, dass sich jeder Job automatisch ebenfalls verändert, damit ist Stillstand über einen längeren Zeitraum ganz automatisch ausgeschlossen. Und gerade, wenn man kleine oder mittelgroße Kinder hat und damit zu Hause eine Menge Möglichkeiten, sich zu entwickeln (ich sage nur Geduld üben in der Trotzphase oder Pubertät) muss man nicht zwingend gleichzeitig im Job große Sprünge machen. Es ist ok, da mal ein paar Jahre eher einen ruhigen Job zu machen und dann später wieder eher auf Entwicklungschancen im Beruf zu setzen. Vorausgesetzt, dass einem gut damit geht.

Also: wenn dein Job nicht perfekt ist, aber gut genug, dann herzlichen Glückwunsch!

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