Was bei Müttern in Vorstellungsgesprächen oft schief läuft

Ich habe in mehreren hundert Bewerbungsgesprächen auf der Seite der Entscheider gesessen. Und mir ist dabei aufgefallen, dass in einigen Fällen die Gespräche plötzlich eine eigenartige Wendung nahmen, wenn die Bewerberin ihre Kinder erwähnte. Ich schreibe hier explizit “Bewerberin”, denn ich habe nie erlebt, dass Männer bzw. Väter eine solche Reaktion bekommen hätten.

In fast allen Fällen führen Personaler wie ich die Gespräche nicht allein, sondern gemeinsam mit der zukünftigen Führungskraft der Bewerber. In den Firmen, in denen ich tätig war, waren die Führungskräfte meist Männer und häufig über 50. Ganz normaler deutscher Durchschnitt also. Viele dieser Männer haben eigene Kinder und kennen es von zu Hause so, dass ihre Frauen sich um den Nachwuchs kümmern. Schließlich sind sie selbst ja beruflich erfolgreich, tragen viel Verantwortung und sind zu wichtig, um wegen eines kranken Kindes zu Hause zu bleiben. Diese Darstellung ist jetzt natürlich sehr überspitzt, aber du weißt, was ich meine.

Diese Männer treffen nun in Vorstellungsgesprächen auf Frauen, die ihnen sagen, dass der Vater der Kinder im Krankheitsfall zu Hause bleiben kann, wenn sie selbst in wichtigen Projekten steckt. Und plötzlich unterhält man sich im Vorstellungsgespräch nicht mehr über die Qualifikation der Bewerberin, sondern den Job des Mannes und die Frage, ob er wirklich und tatsächlich für kranke Kinder frei nehmen kann und wird. Und ob es der Mutter nicht schwer fallen würde, ihre kranken Kinder “allein” zu lassen. Oder ob es für die Kinder nicht besser wäre, wenn die Mutter im Krankheitsfall bei ihnen bleiben würde.

Ich habe im Nachgang solcher Gespräche oft mit den Führungskräften über ihre Weltsicht diskutiert und sie gefragt, was denn die richtige Antwort auf solche Fragen wäre. Und warum sie glauben, dass Mütter sich automatisch besser um kranke Kinder kümmern könnten als Väter. Manchmal konnte ich den Chefs klar machen, dass sie von ihrer eigenen häuslichen Situation auf die von anderen Familien schließen und dass die Dinge sich in den letzten zwanzig Jahren geändert haben. Manchmal ist es mir aber auch nicht gelungen.

Was ich euch damit sagen will: es hat nicht unbedingt etwas mit euch zu tun, wenn Vorstellungsgespräche in solche eigenartigen Richtungen laufen. Ich glaube auch, dass es immer seltener passiert, trotzdem will ich dir einen Tipp mit auf den Weg geben, wie du in so einer Situation gut reagieren kannst:

Beantworte die Fragen nach deiner Familie knapp und freundlich, so weit du dazu bereit bist. Und dann stell deinerseits Fragen, die das Gespräch wieder auf die fachlichen Dinge lenken. Oder erzähl davon, wie engagiert du in der Vergangenheit Projekte bearbeitet hast und wie zuverlässig du bist. Oder wie sehr du dich auf eine neue Aufgabe freust. Meist ist der andere Punkt dann schnell vergessen und es geht wieder um die wirklich wichtigen Themen: die zu besetzende Stelle und deine Qualifikation dafür!

Sollte ein Gesprächspartner gar nicht aufhören zu bohren, erzähl ihm, die Oma würde sich gerne um deine kranken Kinder kümmern. Das muss ja nicht stimmen, wird aber in sein Weltbild passen, in dem nur Frauen solche Aufgaben meistern können. Allerdings solltest du im Nachgang überlegen, ob du mit diesem Menschen eng zusammen arbeiten müsstest und ob du wirklich jeden Tag jemanden um dich haben willst, der ein solches Bild von Männern und Frauen mit sich herumträgt.

Wenn du schon im Gespräch merkst, dass diese Leute so gar nicht zu dir passen, fände ich es toll, wenn du einen frechen Spruch parat hättest á la “fragen Sie das die männlichen Bewerber auch?” oder “meine Kinder werden nie krank”. Oder dass du einfach gehst. Aber die wenigsten von uns werden den Mut dazu aufbringen, da schließe ich mich gar nicht aus. Denn ein Vorstellungsgespräch fühlt sich nun mal wie eine Prüfung an und da ist man meist nicht so locker und selbstsicher drauf.

Was du im Nachhinein aber auf jeden Fall machen kannst: bewerte das Unternehmen bei kununu oder einem anderen Bewertungsportal. Was viele nämlich nicht wissen: nicht nur als Mitarbeiter, sondern auch als Bewerber kann man seine Erfahrungen auf diesen Plattformen mit anderen teilen. So haben die Verantwortlichen in der Firma die Chance, von solchen Gesprächsverläufen zu erfahren und ihre Entscheider besser zu schulen oder ihnen klar zu machen, dass solche Vorgehensweisen nicht erwünscht sind.

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