Gegen das schlechte Gewissen.

Berufstätige Mütter haben ständig ein schlechtes Gewissen, zumindest ist das mein Eindruck aus den Medien und aus Gesprächen mit vielen anderen Frauen. Vielleicht gehörst du auch zu den Müttern, die unter einem schlechten Gewissen leiden oder sich sogar von ihrem schlechten Gewissen davon abhalten lassen, ihre Träume zu verwirklichen. Ich möchte dir zeigen, woher ein schlechtes Gewissen eigentlich kommt und was du dagegen tun kannst.

Was ist das “Gewissen” überhaupt?

Wikipedia sagt: “Das Gewissen wird im Allgemeinen als eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein angesehen, die bestimmt, wie man urteilen soll und die anzeigt, ob eine Handlungsweise mit demjenigen übereinstimmt bzw. nicht übereinstimmt, was ein Mensch als für sich richtig und stimmig ansieht… Das einzelne Gewissen wird meist als von Normen der Gesellschaft und auch von individuellen sittlichen Einstellungen der Person abhängig angesehen.”

Das Gewissen sorgt also dafür, dass wir uns im Einklang mit unserem eigenen Wertesystem und den Normen der Gesellschaft verhalten. Es gibt folglich zwei Gruppen von Faktoren, die ein schlechtes Gewissen in dir auslösen können: die inneren und die äußeren.

Äußere Gründe für ein schlechtes Gewissen

Die äußeren Faktoren kommen aus dem gesellschaftlichen Kontext, in dem wir leben. Wir sind als Menschen soziale Wesen und darauf angewiesen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Damit eine Gemeinschaft funktioniert, stellt sie Regeln und Normen auf, wie das Zusammenleben gestaltet werden soll.

In historisch patriarchal geprägten Gesellschaften wie unserer gehört zu diesem Zusammenleben, dass vorrangig die Mütter für die Kinder zuständig sind. Die “gute Mutter” nimmt sich zurück, um ihren Kindern alles zu geben, was sie benötigen. Das ist auch unproblematisch, solange es Einigkeit darüber gibt, was denn das Beste für die Kinder ist. Heutzutage gibt es diese Einigkeit aber nicht.

Es gibt zwei gegensätzliche Signale aus der Gesellschaft an heutige Mütter: die eine Strömung meint, frühkindliche “Fremdbetreuung” (allein das Wort ist furchtbar!) sei schädlich, nur die eigene Mutter sei gut für das Kind. Die andere Strömung kritisiert die “Hausfrauenmodell” und pocht darauf, dass frühkindliche Bildung in Kitas den Kindern bei ihrer Entwicklung helfen würde.

Egal, wie dein persönliches Lebensmodell also aussieht, es gibt große Teile der Gesellschaft, die dieses Lebensmodell ablehnen. Und ganz gleich, ob man dir das ins Gesicht sagt oder nicht, du merkst unbewusst, dass dich Menschen für deine Entscheidungen verurteilen. Daraus kann ein schlechtes Gewissen resultieren.

Innere Gründe für ein schlechtes Gewissen

Neben den genannten äußeren Faktoren können auch innere Faktoren zu einem schlechten Gewissen führen. Das passiert dann, wenn wir uns entgegen unserem eigenen Wertesystem verhalten. Die meisten von uns haben sich noch nicht intensiv mit ihren Werten beschäftigt und verstoßen daher gar nicht willentlich dagegen, sondern eher versehentlich. Da meldet sich dann das schlechte Gewissen.

Das eigene Wertesystem entsteht durch Prägungen der Eltern und des Umfeldes, also wieder durch äußere Faktoren. Wir haben sozusagen äußere Normen verinnerlicht und zu einem Teil von uns selbst gemacht. Wenn unsere Mutter “Sicherheit” als zentralen Wert hatte, werden auch wir eher nach Sicherheit streben als wenn der zentrale Wert “Fürsorge” war.

Jetzt wäre es einfach, wenn man nur einen einzigen Wert verfolgen würde. Da müsste man nicht lange überlegen, nach welchem Prinzip man handelt. Leider ist es aber komplexer, jeder von uns hat ein ganzes Wertesystem, das je nach aktueller Situation verschiedene Werte für wichtig erachtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dabei zu Entscheidungskonflikten kommt, ist also groß. Trotzdem müssen wir uns ja irgendwie entscheiden und damit gegen Teile des Wertesystems verstoßen. Das löst das schlechte Gewissen aus.

Wem nützt ein schlechtes Gewissen?

Der erste Impuls ist zu sagen: niemandem. Stimmt so aber nicht, denn ohne das Gewissen würden wir nicht nach dem Wertesystem handeln, sondern nach dem maximalen Vorteil für uns selbst. Das wäre tödlich für jedes gesellschaftliche Zusammenleben. Viele Normen haben auch ihre Berechtigung und sorgen insgesamt für ein harmonisches Miteinander, in dem nicht alles ständig ausgehandelt werden muss, sondern man bestimmte Gemeinsamkeiten im Wertesystem voraussetzen kann (“Gewaltlosigkeit” zum Beispiel).

Also musst du mit dem schlechten Gewissen einfach leben?

Nein! Du kannst drei Strategien anwenden, um dich mit deinem schlechten Gewissen auseinander zu setzen:

  1. Erforsche die Ursache: kommt dein schlechtes Gewissen von außen? Wird es dir von anderen gemacht, indem sie dich verurteilen, dich immer wieder auf deine Entscheidungen ansprechen oder dich übertrieben bewundern (“also ICH könnte das ja nicht…”)? Oder verstößt du gegen innere Überzeugungen? Warum machst du das? Wenn du die Ursache kennst, kannst du bewusst entscheiden, was du machen möchtest. Möchtest du was ändern? Oder einfach damit leben, dass andere ein anderes Wertesystem haben als du? Du kannst die anderen natürlich auch mit dem Thema konfrontieren, aber das bringt oft nicht den gewünschten Erfolg. Denn das Wertesystem ist beim anderen ebenso stabil wie bei dir.
  2. Prüfe den Zweck: wem bringt dein schlechtes Gewissen etwas? Sorgt es dafür, dass du dich besser um deine Kinder kümmerst, als du es sonst tun würdest? Bringt es deinem Partner etwas, weil er sich dadurch nicht verantwortlich für bestimmte Aufgaben fühlen muss? Bringt es deinem Arbeitgeber etwas, weil du unbezahlte Überstunden machst? Wenn jemand anders von deinem schlechten Gewissen profitiert, führe ein Gespräch mit ihm. Will derjenige, dass du dich in dem Maße verantwortlich und schuldig fühlst? Oder glaubst du das nur? Mit kleinen Kindern ist ein solches Gespräch natürlich schwierig, aber mit größeren geht das durchaus. Wenn du kleine Kinder hast, kannst du eine Freundin bitten, dieses Gespräch stellvertretend in der Rolle deiner Kinder mit dir zu führen. Wenn du keinen Zweck findest, der dich überzeugt, weiter ein schlechtes Gewissen zu haben, betrachte es künftig einfach als liebenswerte Marotte.
  3. Nimm ihm die Kraft: gib deinem schlechten Gewissen einen niedlichen Namen und stell es dir als Hamster vor, der auf deiner Schulter sitzt. Wenn du merkst, dass das schlechte Gewissen wieder zuschlägt und dich behindert, begrüße deinen Hamster mit Namen und frage ihn, warum er da ist. Sag ihm danke für seine Sorge, streichel ihm in Gedanken über das Fell und verabschiede dich freundlich. Dann konzentriere dich auf was anderes.

Gedanken sind nur Gedanken

Wenn dein schlechtes Gewissen hartnäckig ist und du abends im Bett nicht aus dem Gedankenkarussell herauskommst (“was habe ich heute wieder alles falsch gemacht, ich war wieder nicht perfekt”) hilft dir vielleicht diese Erkenntnis:

Das sind alles nur Gedanken. Ja, Gedanken können mächtig sein, aber trotzdem sind es nur Gedanken. Das ist nicht die Realität und nur weil du schlecht über dich denkst, bist du nicht schlecht. Mach dir klar, nach welchen Werten du grundsätzlich leben willst und frage dich abends im Bett, ob dir das an diesem Tag im Großen und Ganzen gelungen ist. Du wirst sehen, dass deine negativen Gedanken oft eher um den nicht perfekten Haushalt oder ähnliche Dinge kreisen und du intuitiv richtig diese Dinge vernachlässigt hast, um anderen Werten zu folgen. Den Werten, die für dich und deine Kinder wirklich wichtig sind.

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